MenüSchließen
RU
Alle Beiträge

Ist Familienaufstellung gefährlich? Eine ehrliche Antwort

Drei Holzfiguren mit Abstand auf einem hellen Tisch in einem ruhigen Raum.

Ja, eine Familienaufstellung kann belasten und unter bestimmten Umständen auch schaden. Sie kann starke Gefühle auslösen, und ich kann weder einen bestimmten Nutzen noch vollständige Sicherheit versprechen.

Ich begleite Aufstellungen und finde es wichtig, offen über ihre Grenzen zu sprechen. Du sollst genug wissen, um dich dafür oder dagegen zu entscheiden und auch andere Formen der Unterstützung in Betracht zu ziehen.

In diesem Beitrag
  1. Warum die Kritik berechtigt ist
  2. Was die Forschung zeigt und was offenbleibt
  3. Welche Risiken es geben kann
  4. Wann andere Unterstützung zuerst wichtig ist
  5. Und wenn ich als Stellvertreterin teilnehme?
  6. Sieben Fragen vor der Entscheidung
  7. Wie ich mit diesen Grenzen umgehe
  8. Häufige Fragen
  9. Wenn du darüber sprechen möchtest

Warum die Kritik berechtigt ist

Familienaufstellungen wurden vor allem durch Bert Hellinger bekannt. Kritisiert wurden unter anderem autoritäre Deutungen, starre Vorstellungen von Familienrollen und die Arbeit mit belastenden Themen ohne ausreichende Begleitung.

Die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) von 2003 beschreibt ethische Probleme und mögliche Gefährdungen in Teilen dieser Praxis. Der Fachverband fordert unter anderem, die Selbstbestimmung der Klientinnen und Klienten zu achten und Aussagen aus Aufstellungen als Hypothesen zu behandeln. Das ist eine fachliche Stellungnahme, keine Studie, die das Risiko für eine einzelne Person beziffert.

Die Antwort „Es kommt nur auf die Leitung an“ reicht mir deshalb nicht. Vorbereitung, Ausbildung und Arbeitsweise sind wichtig. Auch eine aufmerksame Begleitung kann aber nicht alle Risiken ausschließen.

Was die Forschung zeigt und was offenbleibt

Familienaufstellungen und systemische Psychotherapie sind nicht dasselbe. Erkenntnisse über psychotherapeutische Verfahren lassen sich nicht ohne Weiteres auf Aufstellungen übertragen.

Ein Review von 2021 untersuchte zwölf Studien mit 568 Teilnehmenden. Trotz beobachteter Verbesserungen bewerteten die Autoren Menge und Gesamtqualität der Belege als niedrig. Vier Studien berichteten mögliche kleinere oder mäßige negative Effekte bei 5 bis 8 Prozent ihrer Teilnehmenden. Das ist keine allgemeine Schadensquote. Eine verlässliche Aussage über den Nutzen oder die Sicherheit einer Online-Einzelsitzung lässt sich daraus nicht ableiten.

Für mich folgt daraus: Persönliche Berichte über Entlastung sind als Erfahrungen wichtig. Sie belegen aber keine verlässliche Wirkung und versprechen dir kein bestimmtes Ergebnis. Ich biete Aufstellungen als Selbsterfahrung im Rahmen meiner Beratung an, nicht als nachgewiesene Behandlung psychischer Erkrankungen.

Welche Risiken es geben kann

  • Starke Gefühle. Trauer, Angst, Scham oder belastende Erinnerungen können auftauchen und nach der Sitzung anhalten.
  • Vermutungen, die zu Gewissheiten werden. Eine Aufstellung kann weder Missbrauch noch eine unbekannte Vaterschaft oder ein anderes verborgenes Ereignis nachweisen. Wenn ein Eindruck als Tatsache ausgegeben wird, kann das Menschen und Beziehungen schaden.
  • Druck durch die Leitung oder die Gruppe. Niemand sollte dich zu einer Rolle, einer Aussage, Vergebung oder Kontakt zu einem Menschen drängen.
  • Vorschnelle Entscheidungen. Ein berührendes Bild ist kein ausreichender Grund, eine Beziehung zu beenden, Angehörige zu beschuldigen oder eine Behandlung abzubrechen.
  • Zu wenig Unterstützung danach. Eine Sitzung braucht einen Abschluss und eine klare Absprache darüber, an wen du dich bei Belastungen wenden kannst.

Intensive Gefühle sind kein Beweis dafür, dass etwas heilt oder sich „lösen muss“. Du darfst eine Übung ablehnen, widersprechen, pausieren oder aufhören.

Wann andere Unterstützung zuerst wichtig ist

Bei einer akuten psychischen Krise, Suizidgedanken oder einem deutlichen Verlust des Realitätsbezugs ist eine Aufstellung nicht der passende erste Schritt. Dann brauchst du zeitnah ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe.

Auch wenn du dich stark belastet oder instabil fühlst, solltest du vor einer Teilnahme mit einer behandelnden Fachperson sprechen. Eine Diagnose allein lässt sich nicht über eine allgemeine Liste im Internet beurteilen. Entscheidend sind deine aktuelle Situation und die fachliche Einschätzung. Meine Beratung ersetzt weder Diagnostik noch Behandlung.

Wenn dich jemand zu einer Aufstellung drängt, darfst du Nein sagen. Auch ein vorsichtiges „Im Moment möchte ich das nicht“ reicht.

Und wenn ich als Stellvertreterin teilnehme?

Auch eine Rolle für einen anderen Menschen kann Gefühle auslösen, die dich persönlich berühren. Du darfst eine Rolle ablehnen oder verlassen. Vor der Teilnahme sollte klar sein, wie die Sitzung endet und welche Unterstützung bei Fragen oder Belastungen möglich ist.

In meiner Arbeit achte ich darauf, dass die Teilnehmenden ihre Rollen zum Abschluss bewusst verlassen. Das macht das Erlebte aber nicht automatisch unbelastend. Wenn es dir danach schlechter geht, nimm das bitte ernst.

Sieben Fragen vor der Entscheidung

  1. Wird vorab über dein Anliegen gesprochen? Dazu gehört auch die Frage, ob diese Form der Arbeit gerade sinnvoll ist.
  2. Werden Belastungen und Grenzen angesprochen? Ein Vorgespräch ersetzt keine Diagnostik, sollte Risiken aber offen benennen.
  3. Kennst du Ausbildung und Arbeitsweise der Leitung? Frage nach, wenn dir etwas unklar bleibt.
  4. Darfst du widersprechen und jederzeit aufhören? Deine Wahrnehmung und deine Entscheidung müssen respektiert werden.
  5. Bleiben Deutungen Vorschläge? Die Leitung sollte keine unbekannten Familienereignisse als Tatsachen verkünden.
  6. Ist die Begleitung danach geklärt? Frage, an wen du dich wenden kannst, was ein Nachgespräch umfasst und ob dafür Kosten entstehen.
  7. Wird auf Versprechen verzichtet? Eine Sitzung kann weder Heilung noch eine vollständige Lösung deines Anliegens garantieren.

Ein kleiner Rahmen kann angenehm sein, ist für sich allein aber noch kein Qualitätsnachweis.

Wie ich mit diesen Grenzen umgehe

Ich arbeite einzeln mit Figuren und in Gruppen. Vor einer Aufstellung besprechen wir dein Anliegen und den Rahmen. Während der Arbeit kannst du sagen, wenn ein Bild oder ein Satz nicht passt. Du kannst unterbrechen und musst nichts übernehmen, nur weil ich es vorgeschlagen habe.

Was in einer Aufstellung sichtbar wird, verstehe ich als Bild deines Erlebens. Es ist kein Urteil über deine Angehörigen und kein Beweis für die Vergangenheit. Du musst daraus keine bestimmte Entscheidung ableiten.

Wenn dich nach der Sitzung etwas beschäftigt, kannst du dich melden. Die Möglichkeiten der weiteren Begleitung besprechen wir miteinander. Mehr zur Zeit danach liest du in Was passiert nach einer Familienaufstellung?.

Häufige Fragen

Kann auch eine sorgfältig begleitete Aufstellung schaden?

Ja. Gute Vorbereitung und Begleitung können Risiken nicht vollständig ausschließen. Deshalb sind eine freiwillige Entscheidung, die Möglichkeit aufzuhören und klare Absprachen wichtig.

Ersetzt eine Aufstellung eine Psychotherapie?

Nein. Wenn du in Behandlung bist, besprich eine Teilnahme vorher mit deiner behandelnden Fachperson. Ändere Medikamente oder eine laufende Behandlung nicht aufgrund einer Aufstellung.

Was mache ich, wenn es mir danach schlechter geht?

Nimm die Verschlechterung ernst. Kontaktiere die Leitung und hole dir bei deutlicher oder anhaltender Belastung zeitnah ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung. Du musst nicht erst mehrere Tage abwarten. Bei unmittelbarer Gefahr brauchst du sofort Hilfe vor Ort.

Kann die Leitung wissen, was in meiner Familie wirklich passiert ist?

Nein. Weder Empfindungen der Leitung noch Aussagen von Stellvertretenden belegen unbekannte Ereignisse. Für die Klärung von Tatsachen braucht es andere Quellen.

Wenn du darüber sprechen möchtest

Wenn du Fragen zum Rahmen oder zu den Grenzen meiner Arbeit hast, schreib mir. Wenn es um dein Anliegen geht, können wir in einer systemischen Beratung schauen, welche Unterstützung zu deiner Situation passt. Bei einer akuten psychischen Krise wende dich bitte direkt an ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe.

Die systemische Beratung dauert 45 Minuten und kostet 110 €. Sie ist bei München oder online möglich, auf Deutsch oder Russisch.

Hanna Zerf

Wenn du über dein Thema sprechen möchtest, schreib mir.

Hanna schreiben