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Die Vergessenen in der Familie: Was Familiengeheimnisse mit dir zu tun haben

Kerze neben einem offenen Familienalbum auf einem hellen Holztisch.

Am 1. November ist Allerheiligen. Viele gehen in diesen Tagen auf den Friedhof, zünden eine Kerze an, denken an ihre Verstorbenen. Wir erinnern uns an die, die wir kannten und liebten.

Manchmal gibt es in einer Familie auch Menschen, für die niemand eine Kerze anzündet. Über die nicht gesprochen wird, weil sie zu den Familiengeheimnissen gehören. Deren Namen die Enkel nicht einmal kennen. In der Aufstellungsarbeit sprechen wir auch von ausgeschlossenen Familienmitgliedern. Ihre Geschichten können uns beschäftigen, selbst wenn wir nur wenig über sie wissen.

In diesem Beitrag
  1. Über wen in Familien manchmal geschwiegen wird
  2. Warum Familien schweigen
  3. Was Hellinger unter Zugehörigkeit verstand
  4. Wie sich das zeigen kann
  5. Was in einer Aufstellung passieren kann
  6. Kleine Übung: ein Platz für die Vergessenen
  7. Wenn du mehr über deine Familie erfahren möchtest
  8. Häufige Fragen
  9. Wenn du darüber sprechen möchtest

Über wen in Familien manchmal geschwiegen wird

Vergessen heißt nicht immer, dass jemand böse Absichten hatte. Oft war der Schmerz zu groß, die Scham zu tief oder die Zeit zu gefährlich, um zu erinnern. Häufig betrifft es:

  • früh verstorbene Kinder, etwa Babys, Totgeburten, Geschwister, die nur wenige Jahre lebten;
  • Fehlgeburten und Schwangerschaftsabbrüche, über die oft nie jemand gesprochen hat;
  • frühere Partner der Eltern oder Großeltern, etwa die erste Verlobte, der erste Ehemann, eine große Liebe vor der Ehe;
  • Kinder, die weggegeben wurden oder bei anderen aufwuchsen;
  • „schwarze Schafe“ der Familie, zum Beispiel wer getrunken hat, im Gefängnis war, die Familie verlassen hat;
  • Menschen, die im Krieg, in Lagern oder auf der Flucht verschwunden sind;
  • Familienmitglieder mit Behinderung oder psychischer Erkrankung, die „weggesperrt“ oder verschwiegen wurden;
  • Menschen, die schuldig geworden sind. Auch sie gehören zur Familiengeschichte. Erinnern heißt nicht, ihre Taten zu entschuldigen.

Warum Familien schweigen

Es ist leicht, im Nachhinein zu urteilen: „Wie konnten sie nur nie über das Baby sprechen?“ Doch Schweigen war oft ein Weg, zu überleben. Eine Mutter, die nach dem Tod ihres Kindes am nächsten Morgen wieder auf dem Feld stehen musste, hatte keinen Raum für Trauer. Eine Familie, deren Vater als „Volksfeind“ verschwunden war, schützte die Kinder, indem sie seinen Namen nicht mehr nannte. Ein Paar, das sich für einen Abbruch entschied, trug diese Entscheidung oft allein.

Hinter dem Schweigen kann also Schmerz, Scham oder Angst stehen. Es lässt sich nicht immer mit Gleichgültigkeit erklären. Wenn wir das anerkennen, können wir unseren Eltern und Großeltern mit mehr Verständnis begegnen und trotzdem an die erinnern, über die nicht gesprochen wurde. Beides darf nebeneinander stehen: Mitgefühl für die, die geschwiegen haben, und Würdigung für die, über die geschwiegen wurde.

Was Hellinger unter Zugehörigkeit verstand

Bert Hellinger beschrieb sogenannte „Ordnungen der Liebe“. Eine davon ist die Zugehörigkeit: die Vorstellung, dass jeder, der zu einer Familie gehört, ein Recht auf seinen Platz hat, unabhängig davon, was er getan hat oder wie kurz er gelebt hat.

Hellinger nannte es „Verstrickung“, wenn ein Mensch nach seinem Verständnis unbewusst das Schicksal eines früheren Familienmitglieds wiederholt. Das ist eine Deutung innerhalb seines Ansatzes, keine nachgewiesene Erklärung für ein bestimmtes Lebensereignis.

Davon zu unterscheiden ist, wie Erfahrungen über Erziehung, Beziehungen und Familienregeln weitergegeben werden. Schweigen kann beeinflussen, welche Fragen erlaubt sind und wie eine Familie mit Trauer umgeht. Es beweist aber nicht, dass ein unbekanntes Schicksal in einem Nachkommen weiterlebt.

Wichtig ist mir: Die „Ordnungen der Liebe“ sind ein Denkmodell, kein bewiesenes Naturgesetz. Ich verstehe sie nicht als starre Regeln, sondern als Einladung, auf die eigene Familie aus einer weiteren Perspektive zu betrachten. Mehr zur Kritik an Hellinger findest du in meinem Artikel Ist Familienaufstellung gefährlich?.

Wie sich das zeigen kann

In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder ähnliche Erfahrungen. Menschen erzählen zum Beispiel:

  • „Ich habe das Gefühl, irgendwie doppelt zu leben – für jemand anderen mit.“
  • „Ich fühle mich in meiner Familie oft wie ein Fremdkörper, obwohl alle nett zu mir sind.“
  • „In mir ist eine Traurigkeit, die ich mir nicht erklären kann.“
  • „Ich habe einen Namen bekommen, der in der Familie schon einmal ‚vergeben‘ war.“
  • „Ich ziehe immer wieder Partner an, die mich nicht ganz wählen – als stünde jemand zwischen uns.“
  • „Meine Mutter schaut manchmal durch mich hindurch, als würde sie jemand anderen suchen.“

Das bedeutet nicht automatisch, dass es in deiner Familie einen „Vergessenen“ gibt. Solche Gefühle können viele Gründe haben. Du kannst sie zum Anlass nehmen, deine Beziehungen und das, was du über deine Familie weißt, genauer anzuschauen.

Was in einer Aufstellung passieren kann

Wenn eine bekannte, bisher wenig beachtete Person in einer Aufstellung einen Platz bekommt, kann sich das innere Bild verändern. Menschen beschreiben zum Beispiel:

  • Die Figur eines früh verstorbenen Geschwisters wird dazugestellt, und plötzlich fühlt sich die eigene Position ruhiger und klarer an.
  • Der erste Partner der Mutter bekommt einen Platz, und die Spannung zwischen Mutter und Vater wird verständlicher.
  • Ein im Krieg verschollener Großvater wird gesehen, und eine diffuse Unruhe bekommt einen Namen.

Manchmal beschreibt jemand einen einzelnen Satz als hilfreich: „Du gehörst dazu.“ Oder: „Ich sehe dich. Und ich lebe mein eigenes Leben.“

Dabei geht es nicht darum, Familiengeheimnisse „aufzudecken“ oder Fakten zu beweisen. Was sich in einer Aufstellung zeigt, ist ein Bild. Es ist keine Wahrheit, die du anderen beweisen musst. Gerade bei Vermutungen ist Vorsicht wichtig: Eine Aufstellung ist kein Beleg dafür, dass etwas wirklich so geschehen ist.

Kleine Übung: ein Platz für die Vergessenen

Diese kleine Erinnerungsübung kannst du zu Hause machen, zum Beispiel an Allerheiligen. Nimm dir etwa 15 Minuten Zeit. Es geht um das Erinnern, nicht darum, verborgene Ereignisse zu erschließen.

  1. Zünde eine Kerze an und setz dich ruhig hin.
  2. Schreib auf, wen du kennst, der in deiner Familie früh gestorben, verschwunden oder ausgeschlossen ist. Wenn dir nur eine Vermutung oder ein Gerücht bekannt ist, kennzeichne es ausdrücklich als ungeklärt. Du musst keine Lücken füllen.
  3. Wenn ein Name nicht bekannt ist, kannst du das dazuschreiben. Wenn du nichts über eine solche Person weißt, brauchst du auch keine anzunehmen.
  4. Sag innerlich oder leise: „Auch du gehörst zu unserer Familie. Ich sehe dich.“
  5. Spür nach, was sich in deinem Körper verändert. Wärme? Traurigkeit? Erleichterung? Nichts? Alles ist in Ordnung.
  6. Schreib auf, was dir aufgefallen ist, und beende die Übung. Lösche die Kerze, bevor du den Platz verlässt.

Wenn die Übung starke Gefühle auslöst, sei sanft mit dir. Hör auf, wenn es zu viel wird. Und wenn dich das Thema länger beschäftigt, kann eine begleitete Aufstellung helfen, es in Ruhe anzuschauen.

Wenn du mehr über deine Familie erfahren möchtest

Oft wissen wir über die Vergessenen am wenigsten. Manchmal können Eltern, Tanten oder ältere Cousins etwas erzählen. Wie du ein solches Gespräch behutsam beginnen kannst, beschreibe ich in Zwischen zwei Heimaten. Auch Familienfotos, Taufregister, Friedhofsbücher oder Archive können Hinweise geben.

Und wenn niemand mehr erzählen kann: Du kannst dich auch mit den offenen Fragen und deinen Gefühlen dazu beschäftigen. Was unbekannt ist, darf unbekannt bleiben.

Häufige Fragen

Was ist mit „Ordnungen der Liebe“ gemeint?

So nannte Bert Hellinger seine Vorstellung von Grundprinzipien in Familien, darunter Zugehörigkeit, Rangfolge und Ausgleich von Geben und Nehmen. Es ist ein Denkmodell, kein wissenschaftlich bewiesenes Gesetz.

Muss ich die Namen aller Familienmitglieder kennen?

Nein. Wir können mit den Personen und Beziehungen arbeiten, die dir bekannt sind. Wenn du das Gefühl hast, dass etwas fehlt, darf auch diese offene Frage Raum bekommen. Das Gefühl allein belegt keine unbekannte Person.

Was, wenn es ein Familiengeheimnis gibt, über das niemand sprechen will?

Das ist sehr häufig. Du musst niemanden zwingen und auch nichts „beweisen“. In der Aufstellung geht es um dein inneres Bild und um deinen Frieden damit.

Darf ich an Fehlgeburten oder Schwangerschaftsabbrüche in der Familie denken?

Ja, wenn du dich damit beschäftigen möchtest. Du entscheidest, welche Worte und Bilder für dich passen. Niemand muss daraus Schuld, eine Pflicht zur Trauer oder eine bestimmte Deutung ableiten.

Wenn du darüber sprechen möchtest

Wenn dich offene Fragen oder das Schweigen in deiner Familie beschäftigen, können wir darüber sprechen. In einer systemischen Beratung schauen wir auf das, was du weißt, was du fühlst und was du heute brauchst.

Die systemische Beratung dauert 45 Minuten und kostet 110 €. Sie ist bei München oder online möglich, auf Deutsch oder Russisch.

Hanna Zerf

Wenn du über dein Thema sprechen möchtest, schreib mir.

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