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Zwischen zwei Heimaten: Familienaufstellung für Russlanddeutsche und ihre Kinder

Ein altes Familienalbum und Briefe auf einer Fensterbank mit Blick auf Birken.

„Bei uns wurde über früher nicht gesprochen.“ Diesen Satz höre ich in meiner Arbeit oft, vor allem von Menschen aus russlanddeutschen Familien. Sie sind in Deutschland angekommen, haben Ausbildung, Beruf und Familie. Und trotzdem ist da etwas: eine Unruhe, die keinen Namen hat. Ein Gefühl von Heimatlosigkeit, als gehörte man nicht ganz dazu. Oder eine Schwere, die eigentlich nicht zum eigenen Leben passt.

In der Familienaufstellung für Russlanddeutsche schauen wir genau dorthin: auf deine Erfahrungen, deine Beziehungen und das, was du über deine Familiengeschichte weißt. Auch offene Fragen dürfen dabei offen bleiben.

In diesem Beitrag
  1. Wenn die Familiengeschichte mit umzieht
  2. Russlanddeutsche Geschichte: Was viele Familien teilen
  3. Heimatlosigkeit und andere Spuren: Wie sich das heute zeigen kann
  4. Ein Beispiel aus meiner Praxis
  5. Was eine Aufstellung sichtbar machen kann
  6. Wie du mit deinen Eltern über die Familiengeschichte sprechen kannst
  7. Aufstellung auf Deutsch oder auf Russisch?
  8. Häufige Fragen
  9. Wenn du darüber sprechen möchtest

Wenn die Familiengeschichte mit umzieht

Wer umzieht, nimmt mehr mit als Koffer. Mit uns reisen Erinnerungen, Sätze, Ängste und Regeln. Auch das, was in einer Familie nie erzählt wurde, kann uns beschäftigen.

Viele Kinder und Enkel von Spätaussiedlern kennen das: Die Eltern haben nach der Ankunft in Deutschland jeden Job angenommen, alles richtig gemacht, sich angepasst. Gefühle hatten wenig Platz. „Hauptsache, wir haben es geschafft.“ Das war oft eine enorme Leistung. Aber das Unausgesprochene verschwindet nicht einfach. Manches davon zeigt sich später in Haltungen und Gefühlen.

Russlanddeutsche Geschichte: Was viele Familien teilen

Jede Familie hat ihre eigene Geschichte. Und doch gibt es Erfahrungen, die sehr viele russlanddeutsche Familien verbinden.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurden große Teile der deutschen Bevölkerung der UdSSR nach Sibirien, Kasachstan und in weitere östliche Gebiete deportiert. Hinzu kamen Zwangsarbeit in der sogenannten Trudarmee, die Trennung von Familien und die Beschränkungen der Sondersiedlungen. Den historischen Zusammenhang beschreibt die Bundeszentrale für politische Bildung.

Ein Beitrag der Evangelischen Kirche in Deutschland widmet sich den Lebensgeschichten und Belastungen von Aussiedlerinnen und Aussiedlern. Er beschreibt auch, wie schwer es sein kann, in der Familie über Verfolgung und Verluste zu sprechen.

Solche Erfahrungen können Familien auf unterschiedliche Weise prägen, etwa im Umgang mit Sicherheit, Anpassung und Nähe. Daraus lässt sich aber nicht auf die Ursache der Beschwerden eines einzelnen Menschen schließen.

Und dann kam noch ein zweiter großer Umbruch: die Ausreise nach Deutschland. Wieder ein Neuanfang, wieder Abschied von einem vertrauten Umfeld, einer Sprache oder einem beruflichen Status. Manchmal bleiben Familienangehörige zurück.

Heimatlosigkeit und andere Spuren: Wie sich das heute zeigen kann

Nicht jede Belastung hat mit der Familiengeschichte zu tun. Menschen erzählen mir im Zusammenhang mit ihrer Herkunft zum Beispiel von folgenden Erfahrungen:

  • Die Angst, nicht dazuzugehören, weder hier noch „dort“. In Russland oder Kasachstan waren sie „die Deutschen“, in Deutschland plötzlich „die Russen“.
  • Funktionieren statt fühlen. Leistung, Ordnung, bloß nicht auffallen. Pausen fühlen sich fast verboten an.
  • Schuldgefühle ohne erkennbaren Grund, gegenüber den Eltern, gegenüber Verwandten, die zurückgeblieben sind, manchmal gegenüber dem eigenen Glück.
  • Eine unklare Traurigkeit oder Unruhe, die sich nicht durch das eigene Leben erklären lässt.
  • Schwierigkeiten mit Nähe in Beziehungen, als wäre Bindung etwas Unsicheres, das man jederzeit verlieren kann.
  • Ein gespaltenes Verhältnis zur eigenen Herkunft, zur russischen Sprache, zu den Familiengeschichten.

Wenn du dich in einigen Punkten wiederfindest, heißt das nicht, dass mit dir „etwas nicht stimmt“. Deine Herkunft erklärt nicht automatisch, wie du dich heute fühlst. Es kann hilfreich sein, sowohl deine gegenwärtige Situation als auch die Familiengeschichte anzuschauen.

Ein Beispiel aus meiner Praxis

Eine Klientin, Mitte dreißig, kam mit dem Anliegen: „Ich kann mich nie richtig freuen. Sobald etwas gut läuft, warte ich darauf, dass es schiefgeht.“ Über die Familie ihres Großvaters wusste sie wenig – nur, dass er „in Sibirien war“ und nie darüber sprach.

In der Aufstellung stellte sie Figuren für sich, ihre Mutter und den Großvater. Schnell wurde spürbar, wie stark ihr Blick nicht auf ihr eigenes Leben gerichtet war, sondern auf etwas Vergangenes. Als der Großvater mit seinem Schicksal einen Platz bekommen durfte – gesehen, gewürdigt, ohne dass sie es für ihn tragen musste –, sagte sie: „Ich darf mich umdrehen.“

Eine Aufstellung hat ihr Leben nicht über Nacht verändert. Aber sie hatte ein neues inneres Bild, mit dem sie weiterarbeiten konnte.

Was eine Aufstellung sichtbar machen kann

In einer Familienaufstellung stellst du dein Bild der Familie räumlich dar: in der Einzelarbeit mit Figuren, in der Gruppe mit Stellvertreterinnen und Stellvertretern. So kann sichtbar werden:

  • welche bekannten Menschen und Verluste dich beschäftigen, auch wenn wenig darüber gesprochen wurde, zum Beispiel Angehörige, die in der Deportation oder in der Trudarmee gestorben sind;
  • welche Gefühle du mit der Familiengeschichte verbindest, etwa Angst, Trauer oder Schuld;
  • wie du deinen eigenen Platz erlebst, zwischen den Generationen und zwischen zwei Ländern;
  • was dich stärkt: die Kraft und das Durchhaltevermögen deiner Vorfahren.

Wichtig ist mir: Eine Aufstellung zeigt ein Bild, keine absolute Wahrheit über deine Familie. Sie ersetzt keine Psychotherapie und keine medizinische Behandlung. Wenn du gerade in einer akuten Krise steckst, ist eine Aufstellung nicht der richtige erste Schritt. Mehr dazu erfährst du in meinem Artikel Ist Familienaufstellung gefährlich?.

Wie du mit deinen Eltern über die Familiengeschichte sprechen kannst

Vielleicht möchtest du vor oder nach einer Aufstellung mehr über deine Familie erfahren. Gerade in russlanddeutschen Familien ist das nicht leicht: Über Jahrzehnte war Schweigen ein Schutz. Wer erzählte, konnte sich und andere in Gefahr bringen. Diese Vorsicht sitzt oft bis heute tief.

Ein paar Dinge können helfen:

  • Klein anfangen. Statt „Erzähl mir alles über die Deportation“ lieber: „Wie sah das Haus aus, in dem du aufgewachsen bist?“ oder „Was hat Oma gern gekocht?“. Alltägliche Erinnerungen öffnen oft den Weg zu den schweren.
  • Fotos und Dinge nutzen. Ein altes Fotoalbum, ein Brief, ein Kopftuch der Großmutter. Gegenstände können einen leichteren Einstieg bieten als direkte Fragen.
  • Den richtigen Moment wählen. Beim gemeinsamen Kochen, bei einem Spaziergang, auf einer Autofahrt fällt Erzählen oft leichter als am Tisch, Auge in Auge.
  • Die Sprache wählen, in der die Erinnerung lebt. Für viele Eltern und Großeltern ist das Russisch oder ein deutscher Dialekt aus der Wolga- oder Schwarzmeerregion.
  • Zuhören, nicht bewerten. Keine Korrekturen, keine Diskussion über „Schuld“. Es geht nicht darum, recht zu haben, sondern darum, dass etwas erzählt werden darf.
  • Ein Nein respektieren. Manche können nicht sprechen. Auch das darfst du respektieren.

Eine Stimme, die bleibt

Eine meiner Klientinnen hat mir von etwas erzählt, das ich seitdem gern weiterempfehle: Ihre Familie hat die Großmutter gebeten, aus ihrem Leben zu erzählen, und das Gespräch einfach auf dem Handy aufgenommen. Die Großmutter ist schon lange nicht mehr da. Aber ihre Stimme ist geblieben – ihre Art zu erzählen, ihre Pausen, ihr Lachen an Stellen, an denen man es nicht erwartet.

Diese Aufnahme ist heute ein Schatz für die ganze Familie. Und sie ist mehr als eine Erinnerung. Meine Klientin sagt: „Wenn ich sie höre, spüre ich, woher ich komme – und dass ich dazugehöre.“

Wenn deine Eltern oder Großeltern noch leben, versuch es. Du brauchst keine Technik, nur ein Smartphone und ein paar offene Fragen:

  • Wo bist du geboren, und wie sah es dort aus?
  • Woran erinnerst du dich aus deiner Kindheit am liebsten?
  • Wer war dir in der Familie besonders nah?
  • Was war die schwerste Zeit in deinem Leben, und was hat dir geholfen?
  • Was möchtest du, dass deine Enkel über dich wissen?

Frag vorher, ob du aufnehmen darfst. Und sei nicht enttäuscht, wenn beim ersten Mal wenig kommt. Oft öffnet sich beim zweiten oder dritten Gespräch mehr.

Aufstellung auf Deutsch oder auf Russisch?

In manchen russlanddeutschen Familien gehören mehrere Sprachen zum Alltag. Auch Deutsch, Russisch und andere Familiensprachen können unterschiedlich vertraut sein. Gefühle aus der Kindheit sind oft mit der russischen Sprache verbunden: mit Sätzen der Großmutter, mit Liedern oder Kosenamen. Andere fühlen sich auf Deutsch freier.

Ich begleite dich in beiden Sprachen. Du kannst auch wechseln, wenn ein Satz auf Russisch einfach stimmiger ist. Manchmal öffnet genau das eine Tür.

Die Aufstellung findet in der Nähe von München oder online statt. Du kannst also auch aus Nürnberg, Berlin oder Köln teilnehmen.

Häufige Fragen

Muss ich meine Familiengeschichte genau kennen?

Nein. Manche Menschen wissen wenig, weil in ihrer Familie kaum darüber gesprochen wurde. Wir beginnen mit dem, was du weißt und was dich heute beschäftigt. Vermutungen bleiben Vermutungen.

Kann ich die Aufstellung auf Russisch machen?

Ja. Ich arbeite auf Deutsch und auf Russisch, auch gemischt.

Funktioniert das auch online?

Ja, mit Figuren in der Einzelarbeit. Du brauchst nur einen ruhigen Raum und eine stabile Internetverbindung.

Was ist, wenn meine Eltern nicht darüber sprechen wollen?

Das ist häufig so, und es ist ihr gutes Recht. Du beschäftigst dich mit deinen eigenen Erfahrungen. Deine Eltern müssen dafür weder dabei sein noch zustimmen.

Was, wenn niemand mehr lebt, der erzählen kann?

Fotos, Dokumente, Briefe oder Archive können Informationen liefern. Deine Gefühle dazu dürfen ebenfalls Raum bekommen, können historische Fakten aber nicht ersetzen.

Wenn du darüber sprechen möchtest

Wenn dich Fragen nach Herkunft, Zugehörigkeit oder deiner Familie beschäftigen, lade ich dich zu einer systemischen Beratung ein. Wir können auf Deutsch oder Russisch darüber sprechen, auch wenn nicht jede Familiengeschichte geklärt ist.

Die systemische Beratung dauert 45 Minuten und kostet 110 €. Sie ist bei München oder online möglich, auf Deutsch oder Russisch.

Hanna Zerf

Wenn du über dein Thema sprechen möchtest, schreib mir.

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