Der systemische Blick: Wenn ein Nein sich wie Verrat anfühlt
In meiner Arbeit schaue ich nicht nur auf deine Kindheit, sondern auf deine ganze Familie. Dabei kann die Frage auftauchen, welche familiären Erwartungen du heute noch erfüllst.
Jede Familie hat unausgesprochene Regeln. „Sei nicht so egoistisch.“ „Was sollen die Leute denken?“ „In unserer Familie hält man zusammen.“ Wer sich an diese Regeln hält, gehört dazu. Wer Nein sagt, fürchtet vielleicht, seinen Platz zu verlieren. Deshalb ist das schlechte Gewissen nach einem Nein oft so stark: Es kann sich melden, wenn du von einer vertrauten Rolle abweichst. Ein Schuldgefühl allein sagt noch nicht, ob dein Nein angemessen war.
Manchmal reichen diese Regeln weit zurück. In Familien, die Krieg, Flucht oder Verfolgung erlebt haben, konnte es überlebenswichtig sein, nicht aufzufallen und sich anzupassen. Viele russlanddeutsche Familien kennen das aus der Zeit der Deportation und der Sondersiedlungen. Solche Erfahrungen können auch die Regeln prägen, mit denen die nächste Generation aufwächst. Ob das bei dir eine Rolle spielt, lässt sich nur anhand deiner eigenen Geschichte besprechen. Darüber schreibe ich ausführlicher in Zwischen zwei Heimaten.
Geben und Annehmen. In der Beratung können wir auch schauen, ob du Hilfe annehmen kannst. Vielleicht unterstützt du andere gern, fühlst dich mit eigenen Wünschen aber schnell als Belastung. Es geht dabei nicht um eine genaue Rechnung in Beziehungen, sondern darum, dass auch deine Bedürfnisse Platz bekommen.