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Die innere Mutter: Wie du dir selbst gibst, was dir gefehlt hat

Hände halten eine helle Teetasse am Fenster, darüber die Ärmel eines Strickpullovers.

Du rufst deine Mutter nach einem anstrengenden Tag an. Du erzählst, dass du müde bist, dass es im Job gerade schwer ist, dass nicht alles klappt. Und irgendwo tief in dir wartest du wieder: Gleich sagt sie „Ich bin stolz auf dich“. Oder einfach: „Ruh dich aus, du machst schon so viel.“

Doch es kommt etwas anderes: ein Ratschlag, ein Vorwurf, Sorge. Du legst auf und fühlst dich wie ein kleines Mädchen, das wieder nicht bekommen hat, was es gebraucht hätte.

Wenn du das kennst, möchte ich dir einen anderen Blick anbieten. Deine Mutter bleibt deine Mutter. Das Bild einer inneren Mutter kann dir helfen, fürsorglicher mit dir selbst umzugehen. Du kannst sie in jedem Alter entwickeln. Und dafür musst du deine echte Mutter weder ändern noch dich von ihr abwenden.

In diesem Beitrag
  1. Was ist die innere Mutter?
  2. Welche innere Mutter spricht in dir?
  3. Warum das Warten auf die echte Mutter nicht aufhört
  4. Deine Mutter und du: ein systemischer Blick
  5. So bemutterst du dich im Alltag
  6. Übung: Der inneren Mutter einen Platz geben
  7. Wann du dir Unterstützung holen solltest
  8. Häufige Fragen
  9. Wenn du darüber sprechen möchtest

Was ist die innere Mutter?

Die innere Mutter ist die Stimme, mit der wir mit uns selbst sprechen, wenn wir müde sind, einen Fehler gemacht haben oder Angst haben. Sie entsteht aus unseren Kindheitserfahrungen: daraus, wie man mit uns umgegangen ist, was man uns gesagt hat und was nicht. Aber die innere Mutter ist nicht dasselbe wie die reale Mutter. Sie ist ein inneres Bild, das sich verändern kann.

In Beratung und Psychotherapie gibt es verschiedene Ansätze, mit inneren Bildern und einer fürsorglicheren Haltung zu sich selbst zu arbeiten. „Innere Mutter“ ist dabei ein anschauliches Bild, keine eigene Person in dir und keine Diagnose.

Oft fällt in diesem Zusammenhang auch der Begriff „inneres Kind“. Der Unterschied ist einfach: Das innere Kind ist der Teil in uns, der Fürsorge braucht. Die innere Mutter ist der Teil, der sie gibt. Beide Begriffe sind Metaphern. Du musst dich in ihnen nicht wiederfinden, um gut für dich sorgen zu können.

Welche innere Mutter spricht in dir?

Hör hin, was du dir sagst, wenn etwas schiefgeht. Fünf Stimmen begegnen mir besonders oft, meist mehrere gleichzeitig.

  • Die kritische Mutter: „Du hast es wieder verbockt.“ „Du hättest dich mehr anstrengen können.“ „Was sollen die Leute denken?“
  • Die ängstliche Mutter: „Und wenn es nicht klappt?“ „Riskier lieber nichts.“ „Pass auf, die Welt ist gefährlich.“
  • Die abwesende Mutter: Innen ist es still. Niemand tröstet, niemand fragt, wie es dir geht. Nur „Komm allein klar“.
  • Die aufopfernde Mutter: „Erst die anderen, dann ich.“ „Ausruhen ist peinlich.“ Manche kennen aus sowjetisch geprägten Familien den Spruch „Я – der letzte Buchstabe im Alphabet“ („Я“ heißt „ich“). Eigene Wünsche sollten darin zuletzt kommen.
  • Die fürsorgliche Mutter: „Du bist müde, lass uns eine Pause machen.“ „Fehler sind nicht schlimm.“ „Ich bin bei dir.“

Wenn die letzte Stimme bei dir selten oder kaum zu hören ist, ist mit dir alles in Ordnung. Vielleicht hattest du wenig Gelegenheit, diesen fürsorglichen Umgang zu lernen. Du kannst heute damit anfangen, in deinem Tempo.

Warum das Warten auf die echte Mutter nicht aufhört

Viele erwachsene Frauen warten jahrelang darauf, von ihrer Mutter zu bekommen, was ihnen als Kind gefehlt hat: Anerkennung, Zärtlichkeit, echtes Interesse. Bei jedem Familienfest, bei jedem Telefonat. Und werden jedes Mal enttäuscht.

Dieses Warten ist keine Schwäche und nichts „Kindisches“. Es ist ein kindliches Bedürfnis, das nie beantwortet wurde.

Oft kann die Mutter aber schlicht nicht geben, was sie selbst nie bekommen hat. Vielleicht ist sie bei einer Frau aufgewachsen, die den Krieg erlebt hat. Oder in Armut, wo für Zärtlichkeit keine Kraft blieb. Oder sie ist in einem anderen Land geblieben, und zwischen euch liegen Tausende Kilometer. Über Mütter, die „dort“ geblieben sind, schreibe ich in Zwischen zwei Heimaten.

Das zu verstehen heißt nicht, alles zu entschuldigen. Es kann dir helfen, wahrzunehmen, was du heute von ihr erwarten kannst und wo du andere Unterstützung brauchst.

Deine Mutter und du: ein systemischer Blick

Hier möchte ich etwas ergänzen, das in Texten über die innere Mutter meist fehlt: den systemischen Blick.

Manche Frauen erleben Schuldgefühle, wenn sie fürsorglicher mit sich umgehen: „Darf es mir gut gehen, wenn meine Mutter sich so viel versagt hat?“ In der Beratung können wir anschauen, was dich dabei beschäftigt. Solche Gefühle sind verständlich, aber kein Beweis dafür, dass du deine Mutter verrätst.

Es gibt dafür keine vorgeschriebene Reihenfolge. Zwei Gedanken können dich begleiten:

Die Geschichte deiner Mutter gehört zu ihr. Vielleicht hilft dir das Bild, ihr ihren Lebensweg zu lassen und deinen eigenen zu gestalten. Das bedeutet nicht, Verletzungen zu entschuldigen oder Nähe herzustellen, die dir nicht guttut.

Was dir heute fehlt, darfst du ernst nehmen. Du kannst dir Fürsorge geben und sie bei anderen suchen, auch wenn der Wunsch nach Anerkennung durch deine Mutter noch da ist. Dankbarkeit, Vergebung oder Kontakt sind keine Voraussetzung dafür.

So kann die innere Mutter neben der realen Mutter einen Platz bekommen, wenn dieses Bild für dich hilfreich ist. Du musst dich nicht zwischen ihnen entscheiden. Du kannst innerlich sagen: „Mama, danke für das Leben. Den Rest nehme ich mir jetzt selbst und von den Menschen, die mir nahe sind.“

Besonders schwer fällt das denen, die als Kind selbst die Mutter ihrer Mutter waren: getröstet, gestützt, ihre Sorgen mitgetragen. Das wird auch Parentifizierung genannt. Und wenn du merkst, dass du den Weg deiner Mutter in Beziehungen oder im Beruf wiederholst, lies gern Warum lebe ich das Leben meiner Mutter?.

So bemutterst du dich im Alltag

Die innere Mutter wächst durch kleine, alltägliche Handlungen. Hier kannst du anfangen.

  1. Den Zustand wahrnehmen, nicht nur das Ergebnis. Nicht „Warum habe ich schon wieder nichts geschafft?“, sondern „Ich bin heute sehr erschöpft“.
  2. Mit dir sprechen wie mit einem geliebten Kind. Was würdest du deiner Tochter oder einer Freundin sagen, wenn ihr ein Fehler passiert? Sag es dir selbst. Genau das meint Selbstmitgefühl: dir mit derselben Freundlichkeit zu begegnen wie einem Menschen, den du liebst.
  3. Für deinen Körper sorgen, ohne Bedingungen. Essen, Schlaf, Wärme und Pausen brauchst du unabhängig davon, was du geleistet hast.
  4. Dir Fehler erlauben. Eine gute Mutter verlangt keine Perfektion. Sie hilft dir wieder auf.
  5. Grenzen setzen. Eine gute Mutter sagt nicht nur „Gut gemacht“, sondern auch „Schluss jetzt, für heute reicht es“. Manchmal klingt Fürsorge genau so.
  6. Fürsorge auch von anderen annehmen. Dir selbst Mutter zu sein heißt nicht, alles allein zu schaffen. Eine Freundin, dein Partner oder andere vertraute Menschen können dir Wärme und Unterstützung geben. Auch professionelle Begleitung kann dazugehören.

Übung: Der inneren Mutter einen Platz geben

Diese Übung kannst du zu Hause machen. Du brauchst drei kleine Gegenstände, zum Beispiel Figuren, Steine oder Tassen. Sie dauert 15 bis 20 Minuten.

  1. Stell einen Gegenstand für dich auf. Leg ihn auf den Tisch oder den Boden. Schau, wohin er „blickt“.
  2. Stell einen Gegenstand für deine Mutter auf. In dem Abstand und an dem Platz, der sich stimmig anfühlt. Denk nicht lange nach.
  3. Nimm einen dritten Gegenstand für deine innere Mutter. Wo möchtest du sie hinstellen? Neben dich? Hinter dich? Dir gegenüber?
  4. Schau dir das Bild an. Was verändert sich in deinem Körper, wenn die dritte Figur dazukommt? Wie wirkt deine reale Mutter jetzt?
  5. Wenn es für dich passt, sag mit Blick auf die Figur deiner Mutter: „Danke für das Leben. Den Rest nehme ich mir jetzt selbst.“ Du kannst den Satz verändern oder auslassen. Er muss sich für dich nicht richtig anfühlen.
  6. Schreib einen Satz auf, den deine innere Mutter dir jetzt sagen würde. Nimm ihn mit in die nächsten Tage.

Wenn du nicht mit Gegenständen arbeiten möchtest, kannst du dir auch vorstellen: Du lädst deine innere Mutter an einen gemütlichen Ort zum Tee ein. Frag dich, welche Art von Fürsorge du gerade brauchst und was diese innere Stimme dir sagen könnte.

Wenn die Übung starke Gefühle auslöst, hör auf und sei behutsam mit dir. Du kannst das Thema in Ruhe gemeinsam mit mir weiter anschauen, auch online mit Figuren.

Wann du dir Unterstützung holen solltest

Manchmal ist innen nur die Kritikerin zu hören, oder es tauchen Gefühle auf, mit denen man schwer allein sein kann. Bei Depressionen, Angststörungen oder Traumafolgen wende dich bitte zuerst an eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten. Wenn du professionelle Hilfe suchst, kannst du dort auch ansprechen, dass dir Fürsorge und Unterstützung in der Kindheit gefehlt haben.

Die innere Mutter und das innere Kind sind Metaphern. Sie können helfen, Bedürfnisse in Worte zu fassen, ersetzen aber keine Behandlung. Auch eine Familienaufstellung ersetzt keine Psychotherapie. Wann eine Aufstellung passt und wann nicht, beschreibe ich in Ist Familienaufstellung gefährlich?.

In meiner Beratung können wir auch mit metaphorischen Karten arbeiten, wenn das für dich hilfreich ist.

Häufige Fragen

Was ist die innere Mutter?

Die innere Stimme, mit der wir uns unterstützen oder kritisieren. Sie entsteht in der Kindheit, kann sich aber in jedem Alter verändern.

Ist die innere Mutter dasselbe wie das innere Kind?

Nein. Das innere Kind ist der Teil von uns, der Fürsorge braucht. Die innere Mutter ist der Teil, der für das innere Kind sorgt.

Verrate ich meine echte Mutter, wenn ich mir selbst Mutter bin?

Nein. Du darfst fürsorglich mit dir umgehen, unabhängig davon, wie du heute zu deiner Mutter stehst. Du musst dafür weder dankbar sein noch vergeben oder Kontakt halten.

Geht das auch, wenn meine Mutter gestorben ist oder wir keinen Kontakt haben?

Ja. Das Bild kann dir auch dann helfen, fürsorglicher mit dir umzugehen. Unterstützung durch andere vertraute Menschen oder professionelle Begleitung kann ebenso dazugehören.

Wie lange dauert es, eine gute innere Mutter aufzubauen?

Das ist sehr unterschiedlich. Wichtiger als das Tempo ist die Regelmäßigkeit: Es ist eher ein Weg als eine Aufgabe mit Enddatum.

Welche Bücher greifen das Thema auf?

Im Zusammenhang mit diesem Thema werden unter anderem „Deine innere Mutter“ von Nadiya Kroshka und „Wenn die Mutterliebe fehlte“ von Jasmin Lee Cori gelesen. Bücher können Anregungen geben, ersetzen aber keine persönliche Begleitung. Du darfst auch eine Übung beiseitelassen, wenn sie dir nicht guttut.

Kann eine Familienaufstellung dabei helfen?

In einer Aufstellung kannst du erkunden, wie du die Beziehung zu deiner Mutter erlebst und welches Bild von Fürsorge dir heute helfen könnte. Wie sich das zeigt, lässt sich vorher nicht sagen.

Wenn du darüber sprechen möchtest

Wenn du fürsorglicher mit dir umgehen möchtest und dir dabei Begleitung wünschst, können wir in einer systemischen Beratung anschauen, was dir fehlt und was dich heute unterstützen kann.

Die systemische Beratung dauert 45 Minuten und kostet 110 €. Sie ist bei München oder online möglich, auf Deutsch oder Russisch.

Hanna Zerf

Wenn du über dein Thema sprechen möchtest, schreib mir.

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